São Paulo, Brasilien

42.


Samuel Fischer Gastprofessur

© Julia Moraes

Bernardo Carvalho

In diesem Wintersemester ist der brasilianische Schriftsteller, Journalist und Dramatiker Bernardo Carvalho unser Gast. Carvalho, 1960 in Rio de Janeiro geboren, war zunächst journalistisch als Redakteur und Auslandskorrespondent für die brasilianische Tageszeitung „Folha de São Paulo“ in Paris und New York tätig. Als sein Posten aufgrund der brasilianischen Wirtschaftskrise gestrichen wurde, entschied er spontan, noch einige Monate in New York zu bleiben, um literarisch zu schreiben.
Mit Erfolg: 1993 erschien sein Debüt Aberração, eine Sammlung von Kurzgeschichten, die auf Anhieb für den wichtigsten Literaturpreis des Landes nominiert wurde. In diesem Band tauchen bereits die Leitmotive auf, die sich in vielen Varianten durch die 11 folgenden Romane ziehen: Geheimnisse, die es zu enthüllen gilt, Vergangenes, das die Gegenwart durchdringt, Dichtung und Wahrheit, die unentwirrbar verstrickt sind, das Spiel mit verschiedenen Perspektiven und Identitäten. Anders als in Frankreich, wo Carvalhos Werk von Anfang an übersetzt wurde, dauerte es in Deutschland bis 2006, als ihm sein fünfter Roman Nove Noites („Neun Nächte“) zum internationalen Durchbruch verhalf. Die Fiktion beruht auf einer wahren Geschichte, dem Schicksal des jungen amerikanischen Anthropologen Buell Quain, der sich während eines Forschungsaufenthalts bei den vom Aussterben bedrohten Krahô-Indianern im brasilianischen Urwald 1939 aus unerfindlichen Gründen und auf grausamste Weise das Leben nahm. Die Mischung aus dokumentarischem Reisebericht, kleiner Geschichte der Anthropologie und abenteuerlichem Bildungsroman wurde mit zwei der renommiertesten Preise für portugiesischsprachige Literatur ausgezeichnet. In den folgenden Romanen spannt Carvalho sein fiktives Universum immer weiter: In Mongólia führt er einen brasilianischen Diplomaten gegen seinen Willen von Schanghai über Peking in die Mongolei. In O sol se põe em São Paulo („In São Paulo geht die Sonne unter“) begibt sich ein arbeitsloser Werbetexter, der von japanischen Einwanderern abstammt, von seiner Heimatstadt São Paulo in sein Herkunftsland auf Spurensuche. In O Filho da Mãe („Dreihundert Brücken“) beschreibt Carvalho den Kampf russischer Soldatenmütter und das Los tschetschenischer Flüchtlinge. Seine letzten beiden Romane Reprodução und Simpatia pelo demônio sind bisher noch nicht auf Deutsch erschienen.

„Sie werden ein Terrain betreten, wo Wahrheit und Lüge nicht mehr das bedeuten, was Sie hierhergeführt hat.” Bernardo Carvalho, Neun Nächte

Seminar

“Desire against Identity“

Carvalhos Seminar beschäftigt sich mit der Frage, wie Literatur bestehende Identitätskonzepte herausfordern kann: Was genau ist „Identität“ im literarischen Kontext? Ist Literatur eine Aussageform oder ein Instrument zur Erforschung unbekannter Regionen, eine Form des Wissens, eine reflexive Aktivität? Wie dynamisch und widersprüchlich kann ein Identifikationsprozess sein? Vor dem Hintergrund der tiefen politischen und identitätsstiftenden Turbulenzen in Brasilien setzt sich das Seminar mit Werken von Autor*innen unterschiedlicher kultureller Hintergründe auseinander.
Das Seminar findet ab dem 16. Oktober 2019 mittwochs von 10:00 bis 12:00 Uhr in englischer Sprache am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft statt.


Gastprofessur 2019/20




Bücher

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